Scott Pilgrim vs. the World (Edgar Wright, 2010)
Scott Pilgrim führt ein Leben, um das man ihn beneiden möchte: Er ist 22, spielt in einer Rockband, befindet sich momenten zwischen zwei Jobs (”between what and what exactly?”) und auch die Beziehung mit seiner 17-jährigen Freundin Knives Chau könnte aus seiner Sicht kaum besser laufen (”We almost held hands once, but then she got embarrassed”). Als jedoch die Rollerblade-fahrende Amazon-Paketbotin Ramona Flowers zunächst in Scotts Träumen auftaucht und er sie kurz darauf bei einer Party wiedersieht, ist es erstmal vorbei mit seinem entspannten Slacker-Dasein. Denn plötzlich muss er sich nicht nur zwischen Knives und Ramona entscheiden, sondern es auch noch mit Ramonas sieben bösen Ex-Freunden aufnehmen. Denn die haben sich unter der Leitung von Gideon Graves zur League of Evil Exes zusammengeschlossen, um Scotts Leben zur Hölle zu machen.
Man muss über Scott Pilgrim vs. the World eigentlich nur eines wissen, um herauszufinden, ob sich der Kauf der Kinokarte lohnt: Der Film beginnt mit einer 8 Bit-Version des Universal-Logos und der dazugehörigen Musik.
Wer jetzt verständnislos den Kopf schüttelt oder nicht wenigstens annähernd weiss, wovon ich hier eigentlich rede, der gehört wahrscheinlich nicht zur Zielgruppe von Edgar Wrights Comicverfilmung. Denn ohne eine gewissene Affinität für Videospiele und Comics dürfte es sehr schwer sein, dem Fluss von Scott Pilgrim zu folgen und vor allem die überall eingestreuten Referenzen wiederzuerkennen. Wer sich aber zu dieser Zielgruppe zählt, der bekommt hier die vermutlich beste Videospielverfilmung, die nicht einmal auf einem Videospiel basiert.
Ein Großteil dieser Referenzen und auch der Grundstruktur des Filmes ist dabei direkt aus der Vorlage von Bryan Lee O’Malley übernommen. Es wird daher auch im Film kaum Zeit darauf verschwendet, die Hintergründe dieses etwas merkwürdigen Universums zu erkunden, sondern vieles wird einfach als Fakt vorausgesetzt. Ja, es gibt Bösewichte mit übermenschlichen Fähigkeiten und es ist das Normalste auf der Welt, dass mitten in einem Konzert ein Kampf auf Leben und Tod ausbricht. Und natürlich zerplatzen die Gegner bei ihrem Tod in Münzen, die Scott hinterher einsammelt (”Sweet! Coins!”). Da ist es dann auch nicht weiter verwunderlich, dass man den Film nur schwer in die klassischen drei Akte aufteilen kann, sondern dass die Kämpfe gegen die Ex-Freunde mehr wie die einzelnen Level eines Videospiels gestaltet sind – mit einem großen Bossfight am Ende. Das mag für den durchschnittlichen Kinozuschauer vielleicht etwas irritierend sein, spricht die eingangs erwähnte Zielgruppe aber so perfekt an, wie es sonst wohl kaum ein Film tut.
Dazu passt der visuelle Stil, der sich mit seinen zahlreichen Text- und Grafik-Einblendungen, dem häufigen Einsatz von Splitscreens sowie schnellen Schwenks und vielen kurzen, harten Schnitten zu gleichen Teilen an der Comic-Vorlage und dem typischen Look eines Videospiels orientiert. Das wirkt auf ungeübte Zuschauer zwar extrem hektisch, bietet dem geneigten Fan aber eine visuelle Achterbahnfahrt, die ihresgleichen sucht. Dass Wright es dabei aber trotzdem schafft, auch die wenigen ruhigen Szenen des Films absolut perfekt einzufangen, ist nur ein weiterer Beweis sowohl für sein technisches Können als auch die künstlerische Vision dahinter.
Ein besonderes Vergnügen wird Scott Pilgrim vs. the World aber vor allem für die Fans der Comicreihe sein. Es ist einfach unglaublich, mit welcher Liebe zum Detail hier gearbeitet wurde. Nicht nur einzelne Aufnahmen wurden bis ins Kleinste von den dazugehörigen Panels aus den Büchern übernommen, auch ganze Sequenzen sind direkt im Film wiederzufinden. Speziell im ersten Drittel des Films stellt sich ein Wiedererkennungswert ein, der fast schon unheimlich wirkt und der vor allem der absolut perfekten Darstellerwahl geschuldet ist. Bis in die kleinste Nebenrolle hinein sind alle Charaktere so treffend besetzt, dass man sich wirklich niemand anderen in diesen Rollen vorstellen kann. Es macht daher auch überhaupt keinen Sinn, einzelne Darsteller besonders hervorzuheben, da man hier wirklich von einem perfekt zusammenspielenden Ensemble sprechen kann.
Natürlich wird der ein oder andere Fan trotzdem nicht ganz zufrieden sein mit der Umsetzung. Da die letzten Bücher zu Drehbeginn noch nicht komplett fertiggestellt waren, weicht die Story speziell im letzten Drittel von der Vorlage doch erheblich ab. Auch für einige der Hintergrundgeschichten bleibt nur sehr wenig Platz und einzelne Subplots sind komplett weggefallen. Dadurch kommen manche Charaktere etwas zu kurz, während andere mehr Leinwandzeit bekommen, als man das aus den Büchern erwartet hätte. Angesichts der Laufzeit von knapp zwei Stunden ist das aber eine Notwendigkeit, die sich wohl kaum vermeiden lässt und die man dem Film gerne verzeiht.
Denn unterm Strich ist Scott Pilgrim vs. the World wirklich alles, was man sich als Fan der Comics hätte wünschen können. Und noch einiges mehr.

